Die Angriffe des Falken fördern Wachsamkeit und Behendigkeit des Spatzen. Und obwohl durch Regen, Elektrizität und Feuer des öfteren Menschen zu Schaden kommen, würde wohl niemand auf den Gedanken kommen, diese unentbehrlichen Elemente generell zu verfluchen. Zu fasten mag schwierig sein. Aber es verleiht dem Körper Energie, Aktivität und Widerstandskraft. Das Immunsystem von Kindern wird durch Krankheiten gestärkt. Gymnastische Übungen sind mühsam, tragen aber eindeutig zu Gesundheit und Fitness des Körpers bei.  Der Geist wiederum profitiert von Anbetung und Meditation ebenso wie von Krankheit, Leid und Elend. Sie lassen ihn dem Paradies näher kommen; denn Gott belohnt uns, wenn wir Opfer bringen. Leid und Elend ermöglichen uns, auf höhere spirituelle Ränge aufzusteigen, und werden uns in der kommenden Welt vielfach vergolten werden. Aus diesem Grunde litten alle Gesandten Gottes die größten Entbehrungen und Nöte.

Leid und Elend und Katastrophen aller Art sorgen dafür, dass den Gläubigen ihre Sünden vergeben werden. Sie ermahnen sie, sich von Sünden und von den Verlockungen des Satans und des Egos fernzuhalten.  Sie lehren die Gläubigen, die Gunstbeweise Gottes zu schätzen, und erschließen ihnen einen Weg zur Dankbarkeit. Darüber hinaus zwingen sie die Reichen und Wohlhabenden, sich um die Armen und Kranken zu sorgen und ihnen beizustehen. Wer nie selbst gelitten hat, kann sich auch nicht in Menschen, die hungern, an einer unheilbaren Krankheit leiden oder von großem Unglück heimgesucht wurden, hineinversetzen.  Geteilte leidvolle Erfahrungen tragen außerdem dazu bei, dass sich zwischen den unterschiedlichen sozialen Schichten engere Beziehungen entwickeln.

Die Bedeutung der Intention für das Fasten

Bei allen unseren Handlungen spielt die Intention eine sehr wichtige Rolle. Der Gesandte Gottes erwähnte, dass unsere Handlungen nach den Absichten, die hinter ihnen stecken, beurteilt werden. Die Absicht ist der Geist unseres Handelns. Ohne sie erwartet uns keine Belohnung. Wenn wir von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang nicht essen und trinken, ohne zuvor die Absicht zu fasten gefasst zu haben, erkennt Gott dies nicht als Fasten an. Wer nicht zum Wohlgefallen Gottes fastet, wird dafür auch nicht belohnt werden.

Diejenigen, die über einen starken Glauben an Gott verfügen, die allen Säulen des Glaubens Beachtung schenken und gleichzeitig die feste Absicht haben zu glauben, werden im Paradies ewige Glückseligkeit erfahren.

Dem Herzen Vorrang vor dem Fleisch einräumen

Das menschliche Leben besteht aus zwei wesentlichen Kräften: Geist und Fleisch. Zwar harmonieren diese beiden gelegentlich; in der Regel jedoch bekämpfen sie einander, wobei mal die eine Kraft, mal die andere Kraft obsiegt.

Wenn wir unseren fleischlichen Gelüsten nachgeben, wird unser Geist schwächer und muss sich ganz in den Dienst dieser Gelüste stellen. Gelingt es uns hingegen, unsere fleischlichen Gelüste zu kontrollieren, das Herz (den Sitz des spirituellen Verstandes) über den Verstand zu stellen und unseren körperlichen Begierden standzuhalten, verdienen wir uns damit die Ewigkeit.

Im Vergleich zu früheren Jahrhunderten mögen die Menschen heute wohlhabender sein und mehr Annehmlichkeiten und Komfort genießen. Das jedoch macht sie auch anfälliger für Gier, Verblendung, Süchte, Leidenschaften und Hirngespinste aller Art. Je ausgiebiger sie ihren fleischlichen Gelüsten frönen, desto mehr fordern diese von ihnen ein: Je mehr sie trinken, desto durstiger werden sie. Je mehr sie essen, desto hungriger werden sie. Um ihre Gier nach noch mehr Geld und Vermögen zu befriedigen, beginnen sie zu spekulieren, und für die banalsten kleinen Vorteile verkaufen sie ihren Geist an den Satan. Von Tag zu Tag brechen sie ein wenig mehr mit den menschlichen Werten.

Dabei hat doch der Verzicht auf weltliche Vergnügungen für den Reifeprozess des Menschen die gleiche Bedeutung wie Wurzeln für das Wachstum des Baumes. Bäume wachsen nur so stark, wie es ihre Wurzeln zulassen; und wir Menschen entwickeln uns nur soweit in Richtung Vollkommenheit, wie wir unseren Egoismus ablegen und für andere leben können.

Spirituelle Praktiken im Ramadan

Muhasaba (Selbstkritik, Selbsthinterfragung): Die Selbstkritik beinhaltet die Suche nach und die Entdeckung der eigenen inneren Natur und spirituellen Tiefe. Sie ist ein notwendiges spirituelles und intellektuelles Bemühen, sich die wahren menschlichen Werte anzueignen und eine Gesinnung zu entwickeln, die dieses Bemühen fördert. Erst durch dieses Bemühen lernt der Mensch, zwischen Gut und Böse unterscheiden. Erst durch dieses Bemühen gelingt es ihm, im Verlaufe seines Lebens beurteilen zu können, wovon er profitiert, was ihm schadet und was seinem Herzen die Aufrichtigkeit bewahrt.

Erst kontinuierliche Selbstkritik ermöglicht dem Menschen, die Gegenwart schätzen zu lernen und sich auf die Zukunft vorzubereiten. Nur durch Selbstkritik vermag er frühere Fehler wieder gut zu machen und Absolution durch Gott zu erlangen. Nur Selbstkritik erlaubt ihm, seine innere Welt zu erneuern und eine zuverlässige Beziehung mit Gott zu unterhalten. Ob ein Mensch ein spirituelles Leben führt und ob er sich der Vorgänge in seiner inneren Welt bewusst ist, ist nämlich ganz entscheidend. Nur wenn ihm das gelingt, kann er sich seine göttliche Natur als wahres menschliches Wesen bewahren und auf seine inneren Sinne und Gefühle vertrauen.

Tafakkur (Reflexion): Die Reflexion ist ein entscheidender Schritt, einen Einblick in das, was um uns herum vor sich geht, zu bekommen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Sie ist ein goldener Schlüssel, der uns die Tür zu neuen Erfahrungen öffnet, eine Lichtung, auf der Bäume der Wahrheit gepflanzt werden können. Die Reflexion ist die geöffnete Pupille des Auges im Herzen. Darum erklärte der Prophet Muhammad, der erhabenste aller Menschen, der genauso wie in anderen Bereichen auch in der Disziplin der Reflexion unser Vorbild ist:

Kein Akt der Anbetung ist so wertvoll wie die Reflexion. Reflektiert also über die Freigebigkeit Gottes und die Taten Seiner Macht. Versucht aber erst gar nicht, über Sein Wesen zu reflektieren, denn dazu seid ihr nicht in der Lage. (Bayhaqi, Sunan)

Mit diesem Ausspruch verbürgt sich der Ruhm der Menschheit nicht nur für den Wert der Reflexion, sondern legt auch deren Grenzen fest und erinnert uns an unsere beschränkten geistigen Fähigkeiten.

Schukr (Dankbarkeit): Dankbarkeit, die von Herzen kommt, bekundet ein Gläubiger, wenn er sich zu der Tatsache bekennt, dass alle Gaben – materielle wie geistige – von Gott stammen. Von dieser Wahrheit muss er wirklich überzeugt sein und sein Leben an ihr ausrichten. Der Mensch kann Gott nur dann mit Worten oder Taten danken, wenn er überzeugt davon ist, dass er Gott seine ganze Existenz, sein Leben, seinen Körper, seine physischen Reize, seine Leistungen und sämtliche Gaben, die er erhält und konsumiert, verdankt. Die folgenden beiden Koranverse weisen auf diesen Umstand hin:

Habt ihr denn nicht gesehen, dass Allah euch alles dienstbar gemacht hat, was in den Himmeln und was auf der Erde ist, und (dass Er) Seine Wohltaten reichlich über euch ergossen hat – in sichtbarer und unsichtbarer Weise? (31:20)

Er gab euch alles, was ihr von Ihm begehrtet; und wenn ihr Allahs Wohltaten aufzählen wolltet, würdet ihr sie nicht vollständig erfassen können. (14:34)

Natürlich sollte man sich vor allem im Ramadan darum bemühen, diese Tugenden hochzuhalten. Es gibt dafür keine bessere Zeit.

Hikmet Isik

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