Wer wurde noch nicht mit der Frage konfrontiert: Hast du keine Angst? Ausnahmslos jeder Mensch hat sich schon einmal mit den Gefühlen Furcht und Angst auseinandergesetzt. Denn die Angst ist ja ein Hauptmerkmal und ein wesentlicher Instinkt des Menschen. Dieses Grundgefühl wird von einer Journalistin, die zwei Jahrzehnte lang über Krisen, Kriege und Konflikte berichtet hat und auch ihre eigene Krankheit selbst bewältigen musste, anschaulich und facettenreich beschrieben.

Sie ist also schon die richtige Person, die über die Angst und Furcht etwas sagen kann. Ich rede von Petra Ramsauer, die seit 1989 als Journalistin und seit 1999 als Krisenberichterstatterin arbeitet und die den neu erschienen Essay „Angst“ (Kremayr & Scheriau Verlag) verfasst hat. In einer seltsamen Zeit der weltweiten Corona-Pandemie, in der das Sicherheitsgefühl der Menschen schwindet, ist Angst ein allgegenwärtiges Thema und gleichzeitig aber auch eine kollektive Erfahrung, die die Welt enger zusammenrücken lässt.

Nicht nur während der Krise haben Menschen Angst, sondern aus vielen Anlässen: Viele Schüler haben Angst vor Klassenarbeiten und Eltern um die Zukunft ihrer Kinder. Arbeitnehmer fürchten den Verlust ihrer Arbeit; Menschen in Kriegsgebieten haben Angst vor Bomben und Zerstörung ihrer Wohnorte, Flüchtlinge vor den Strapazen langer Fluchtrouten; Rechtsradikale Menschen haben Angst vor Flüchtlingen und Fremden; viele haben Angst vor der Digitalisierung, der Globalisierung, Angst vor Krankheiten und vor dem Tod… Angst ist im Leben ein ständiger Begleiter.

Ramsauer erzählt aus ihrer Erfahrung sehr realistisch und lebensnah über die positiven und negativen Seiten dieses Gefühls: „Angst kann Leben retten, da sie blitzschnell den Organismus aktiviert, und sie kann, wenn sie missbraucht wird, Leben zerstören. Krank machen, aber auch wichtige Veränderungen im Leben initiieren.“ Hervorheben möchte ich hier den aktuellen Aspekt, dass z.B. die Populisten durch den Missbrauch der Angst eine Politik betreiben, die die Gesellschaft spaltet und Hass schürt.

Eine besondere Beziehung besteht ferner zwischen Angst, Minderwertigkeitsgefühl und Leistung: „Unverdaute, weggeschobene Ängste, die sich als Furcht vor dem Versagen in den Alltag einschleichen, können Dauerstress verursachen“, gibt die Psychologin Sarah Sarkis zu bedenken: „Wenn Menschen extrem viel leisten, um ihre Minderwertigkeit zu kompensieren, droht es sie krank zu machen. Das ist wie eine Maschine. Wenn der Treibstoff verschmutzt ist, sind Spitzenleistungen möglich, aber sie geht irgendwann kaputt.“ (S.35)

Der Autorin zufolge wird Angst nicht zwingend durch etwas ausgelöst, das von außen kommt, und nicht alle Menschen reagieren gleich auf die mögliche Gefahr. Die vielen Variationen des Erlebens spiegeln sich in der Sprache: Furcht. Schrecken. Terror. Horror. Panik. Besorgtheit. Grusel. Grauen. Entsetzen. Beklemmung. Bangnis.

Nach Sigmund Freud macht nicht das fürchterliche Ereignis Angst, sondern vielmehr die Erwartung. Das Entscheidende der Angstreaktion ist die Verschiebung des Gefühls der Hilflosigkeit auf die Erwartung der Gefahrensituation. „Der Schmerz ist die eigentliche Reaktion auf einen Verlust, die Angst richtet sich auf die Gefahr, welche dieser Verlust mit sich bringt.“ Freud bezeichnet dieses Gefühl als „Knotenpunkt der Seele“. „Wer in seinem Leben zentrale Dinge vermeidet, wichtigen Erfahrungen, wichtigen Entscheidungen aus dem Weg geht, zahlt dafür einen Preis. Und dieser Preis heißt Angst.“ (S.96)

Der feine Unterschied zwischen Furcht und Angst wird anhand einer Gefahrensituation bei Glatteis verdeutlicht: „Blitzschnell werden zig Entscheidungen getroffen. Der gesamte Organismus ist in Millisekunden aktiviert. Das ist noch die Furcht. Angst entsteht beim Nachdenken über die Gefahr.“ (S.45)

Was Angst erzeugt und wie dabei der Körper reagiert, wird anhand vieler Beispiele dargestellt. Die Autorin berichtet über Angst als Waffe im Krieg und die traumatischen Folgen für die Betroffenen. Und wie die Corona-Pandemie die Ur-Angst des Kontrollverlusts auslöst und unsere Welt verändert, weil die Krisenerfahrung keine Grenzen mehr kennt.

Ein interessanter Aspekt des Essays ist auch die kollektive gesellschaftliche Angst, die über Generationen vererbt wird. Eine wichtige Anregung zum Nachdenken, um die deutsche oder österreichische Gesellschaft besser zu verstehen. Nach Ramsauer ist die generalisierte Angststörung „eine Krankheit, die wir auch emotional vererbt haben.“ Hierfür teilt sie die Äußerungen der Wiener Psychologin Ulrike Rams: Die Erwachsenen von heute wurden von Eltern erzogen, die in ihrer Kindheit in einer vom Krieg traumatisierten Generation erzogen wurden. Resultat ist eine emotionale Vernachlässigung gewesen, die sie an ihre Kinder weitergegeben haben und diese wieder an deren Kinder. Das schlug mitunter tiefe Wunden in die Seele. Denn unsere Ur-Angst ist, nicht liebenswert zu sein, die Liebe, die wir brauchen, nicht zu bekommen.

Die Autorin beschreibt die Todesangst und traumatisierte Erfahrungen u.a. durch eigene Erlebnisse in den Kriegsgebieten. „Neben versagter Liebe ist es natürlich der Tod, der uns einen Schrecken einjagt.“

Die wesentliche Frage bleibt natürlich, wie wir mit Angst umgehen sollen. Denn sie kann einerseits unser Leben lähmen, andererseits aber auch ein wichtiger Impuls für nötige Veränderungen sein. Eine rationale und gleichzeitig von persönlicher Betroffenheit geprägte Antwort gibt uns Petra Ramsauer.

Muhammet Mertek