Die Analyse der Migration in Bezug auf die Religion, Kultur, Sprache und Identität ist ein schwieriges Unterfangen.

Das neu erschienene Buch „Religion im Transit“ (De Gruyter) befasst sich mit den „Transformationsprozessen im Kontext von Migration und Religion“; ein Thema, das aktueller denn je ist.

Das Buch besteht eigentlich aus einer Tagung, die viel über Vertreibung, Verlust und Heimatlosigkeit berichtet, aber auch danach fragt, was die einzelnen Lebensgeschichten trotz allem an Vertrauen, Hoffnung und Lebenszuversicht geben können.

Die interdisziplinäre Migrationsforschung erfasst mit unterschiedlichen methodischen Ansätzen verschiedene Gründe, Ursachen, Netzwerke und Handlungsräume von Migrationen. Diese werden innerhalb der ersten drei Kapiteln als Transiträume, Diaspora und Identität bezeichnet. Bei den Analysen werden die historischen, kultur- und religionssoziologischen Perspektiven anhand zahlreicher Beispiele hervorgehoben, was ich für sehr beachtlich halte. Einige Beiträge wie „Migration und religiöser Wandel in der Frühen Neuzeit und heute“, „Religiöse Pluralität und Identität im Konzept der Herrnhuter Diaspora“ und „Die Altlutheraner im Hinterland Adelaide“ geben einen Einblick in die Bandbreite der Themen dieses Buches.

Die Tatsache, dass das Spannungsverhältnis zwischen (dem Drang zur) Veränderung und (dem Wunsch nach) Bewahrung für die Diaspora charakteristisch war und ist, finde ich auch für die türkische bzw. muslimische Migration in Deutschland sehr zutreffend. Denn die Entwicklung „wenig Veränderung mehr Bewahrung“ stellt auch eine grundlegende Problematik bei Integration vieler Türkeistämmiger dar.

Der auffällige Wunsch nach Bewahrung geht im Allgemeinen nicht automatisch mit konservativen oder rückwärtsgewandten Haltungen einher, wie Martin Baumann zum Ausdruck bringt: „Oftmals werden Migrantengemeinschaften als Horte von Traditionalität und religiösem Konservatismus angesehen. Die Kreativität und die Chance zu Veränderung in der Fremde, in der Diaspora, darf jedoch nicht übersehen werden.“ Dies gilt aber nicht ganz für muslimische Migranten, außer für einige Einzelfälle. Die Migration selbst bietet tatsächlich oft einen Neuanfang und einige Chancen, von denen Migranten Gebrauch machen können, wenn sie mental und kulturell dazu in der Lage sind.

Weiterhin werden in diesem Buch konkrete Praktiken der Grenzarbeit und Identitätspolitik behandelt, mit der die prekäre Balance zwischen Anpassung und Bewahrung eng verbunden ist.

In den Diaspora-Studien wird Steven Vertovec zufolge immer wieder auf die ko-ethnische Solidarität als wichtiges Kennzeichen von Diaspora-Communities hingewiesen. Dahinter steht die Idee, dass Angehörige einer Diaspora-Gemeinschaft aufgrund des geteilten kulturellen oder religiösen Hintergrundes und gemeinsamer Ausgrenzungserfahrungen in der Aufnahmegesellschaft eine starke Binnenorientierung und nach innen gerichtete Unterstützungsbeziehungen entwickeln.

Weiterhin führt die Migration zu religiöser Intensivierung, da die Religion als „Identitätsressource“ an Bedeutung gewinnt.

Wie wird die Flucht religiös Verfolgter finanziert? Ökonomische Aspekte religiöser Migration in der Frühen Neuzeit“ werden im Beitrag von Alexander Schunka erläutert. Ein solches Migrationsphänomen in Europa gab es zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert und betraf viele hunderttausende Menschen.

Der Beitrag „Religiöse Pluralität und Identität im Konzept der Herrnhuter Diaspora“ setzt sich mit den diversen Aspekten der Diaspora in Bezug auf diese Brüdergemeine auseinander. Das Konzept der „Diaspora“ wurde von dieser Bewegung in einem längeren Prozess entwickelt. Der Begriff war erst seit den späten 1730er Jahren in Gebrauch und seit 1749 ein feststehender Terminus in der Korrespondenz. Die Diaspora nimmt auch im heutigen Sprachgebrauch eine zentrale Rolle ein, „um Abgrenzungs- Adaptions- und Assimilationsprozesse religiöser, ethnischer und kultureller Minderheiten in ihren Gastländern angemessen zu beschreiben.“

Einen wichtigen Aspekt der Migration stellt die Erinnerungskultur dar. Im Beitrag „Anschreiben gegen das Vergessen“ geht es um die Erinnerungen an den Lehrer und Fluchthelfer Kurt Silberpfennig. Die unfassbaren Erlebnisse von Silberpfennig und dessen Familie sowie das Schicksal von Insassen der Deportationszüge werden dabei thematisiert. „Im Akt dieser aktiven Erinnerung an Kurt Silberpfennig wird einsichtig, dass die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, von Vertreibung und Flucht keineswegs stumme Zeugen geschichtlicher Prozesse sind.“ Denn Silberpfennig hat sich dazu entschieden, nicht die sich ihm bietenden Möglichkeiten der Flucht ins rettende Ausland zu nutzen, sondern bei den ihm anvertrauten Jugendlichen zu bleiben. Das sollte nicht vergessen werden.

Die Autoren des Sammelbandes suchen anhand vieler Beispiele nach überzeugenden Antworten auf die Fragen wie „Wie bekommen Migrationserfahrungen durch religiöse Überzeugungen eine neue Deutung? Wie verändern sich religiöse Praktiken und Motive durch Auswanderung und wie entstehen neue Identitätszuschreibungen, Diasporagesellschaften und religiöse Unterstützungsnetzwerke?“

Das Thema „Diaspora“ spielt auch in den Flüchtlingswellen der Gegenwart eine nicht unbedeutende Rolle. Politiker und Betroffene können in diesem Buch einige Anregungen finden, religiöse Aspekte der Migration differenzierter zu sehen.

Muhammet Mertek

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