Nach ihrer Rückkehr an die Macht in Afghanistan setzen die Taliban erneut ihre religiöse Ideologie durch, indem sie die Rechte der Frauen einschränken und andere repressive Maßnahmen ergreifen. Sie präsentieren der Welt ein Bild des Islams, das intolerant ist und im Widerspruch zum gesellschaftlichen Wandel steht.

Der Islam hat jedoch mehrere Auslegungen. Eine humanitäre Interpretation, die sich auf „Rahmah“ (Barmherzigkeit) konzentriert, was frei mit Liebe und Mitgefühl übersetzt werden kann, wurde von einer Gruppe hervorgehoben, die ich studiert habe – Nahdlatul Ulama, was wörtlich „Wiedererwachen der islamischen Gelehrten“ bedeutet.

Nahdlatul Ulama (NU) wurde 1926 als Reaktion auf die saudische Eroberung von Mekka und Medina mit ihrem rigiden Islamverständnis gegründet. Sie folgt dem sunnitischen Mainstream-Islam, wobei sie die islamische Spiritualität und die kulturellen Traditionen Indonesiens anerkennt.

In Indonesien, dem Land mit der größten muslimischen Bevölkerung, ist die NU mit rund 90 Millionen Mitgliedern und Anhängern die größte islamische Organisation der Welt. Was die Mitgliederzahl angeht, übertrifft die Organisation die der Taliban bei weitem. Und doch wird dieses Gesicht des Islams auf der internationalen Bühne nicht ausreichend gewürdigt.

Im Jahr 2014 reagierte die NU auf den Aufstieg des „Islamischen Staats“ und deren radikale Ideologie, indem sie eine islamische Reform einleitete. Seitdem hat sie diese Reform, die sie „Humanitärer Islam“ nennt, weiterentwickelt.

Humanitärer Islam

In den vergangenen sieben Jahren hat der Generalsekretär der NU, Yahya Cholil Staquf, mehrere Treffen der Islamgelehrten der Organisation mit einer reformorientierten Agenda organisiert. Sie gaben öffentliche Erklärungen zur Reform des islamischen Denkens bezüglich kontroverser Themen ab, darunter politische Führung, gleichberechtigte Bürgerschaft und Beziehungen zu Nicht-Muslimen.

Die Veröffentlichungen der NU enthalten wichtige Entscheidungen, die den „humanitären Islam“ von anderen Auslegungen unterscheiden. Zunächst einmal lehnen sie die Idee eines globalen Kalifats oder einer politischen Führung ab, die alle Muslime vereinen würde. Das Konzept eines Kalifats wird sowohl von etablierten islamischen Gelehrten wie denen von Al-Azhar – Ägyptens weltbekannter islamischer Institution – als auch von radikalen Gruppen wie der Gruppe Islamischer Staat und al-Qaida akzeptiert.

Darüber hinaus betonen die NU-Erklärungen die Legitimität der Verfassungs- und Rechtssysteme moderner Staaten und weisen damit die Vorstellung zurück, dass es eine religiöse Verpflichtung sei, einen Staat auf der Grundlage des islamischen Rechts zu errichten.

Außerdem heben diese Erklärungen die Bedeutung der gleichberechtigten Bürgerschaft hervor, indem sie eine Unterscheidung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen als rechtliche Kategorien ablehnen.

Sie rufen zu einer engeren Zusammenarbeit zwischen Muslimen, Christen und Anhängern anderer Religionen auf, um den Weltfrieden zu fördern.

Die Nahdlatul Ulama hat bereits einiges unternommen, um diese Ziele zu verwirklichen. So hat sie beispielsweise eine Arbeitsbeziehung mit der Weltweiten Evangelischen Allianz aufgebaut, die nach eigenen Angaben 600 Millionen Protestanten vertritt, um interkulturelle Solidarität und Respekt zu fördern.

Diese NU-Erklärungen mögen aus westlich-liberaler Sichtweise unzureichend erscheinen, da sie einige Themen wie die Rechte von LGBTQ nicht angehen. Um die Bedeutung der NU-Perspektive und ihre Grenzen besser zu verstehen, ist eine Untersuchung des indonesischen Kontextes erforderlich.

Indonesiens toleranter Islam

Meine Recherchen über 50 mehrheitlich muslimische Länder haben ergeben, dass Indonesien als eine der wenigen Demokratien unter ihnen hervorsticht.

Das grundlegende Credo Indonesiens „Pancasila“ bedeutet „fünf Prinzipien“ und bezieht sich im Wesentlichen auf den Glauben an Gott, Humanität, die nationale Einheit Indonesiens, Demokratie und soziale Gerechtigkeit.

Etwa 88 % der 270 Millionen Einwohner Indonesiens sind Muslime. Sowohl Nahdlatul Ulama als auch Muhammadiyah, die zweitgrößte islamische Organisation des Landes, achten und respektieren diese Grundsätze. Wie die NU hat auch die Muhammadiyah mehrere Millionen Anhänger, und diese beiden Organisationen arbeiten oft gegen radikale islamistische Gruppen zusammen.

Robert Hefner, ein führender Indonesien-Experte, dokumentiert in seinem Buch „Civil Islam“ aus dem Jahr 2000, wie NU und Muhammadiyah in den späten 1990er Jahren einen wichtigen Beitrag zur Demokratisierung des Landes leisteten. Während dieser Zeit wurde der Vorsitzende der NU, Abdurrahman Wahid, 1999 der erste demokratisch gewählte Präsident Indonesiens.

Der 2009 verstorbene Wahid hat ein religiöses Erbe hinterlassen. In meinen Gesprächen verwiesen hochrangige NU-Mitglieder immer wieder auf Wahids reformistische Ideen als Hauptinspirationsquelle für den humanitären Islam.

Indonesiens intoleranter Islam

Nicht alle islamischen Theorien und Praktiken in Indonesien sind tolerant gegenüber der Vielfalt. Die Provinz Aceh hat bestimmte Regeln des islamischen Strafrechts durchgesetzt, darunter die Prügelstrafe für diejenigen, die Alkohol verkaufen oder trinken.

Ein weiteres Beispiel für religiöse und politische Intoleranz ist das Blasphemiegesetz des Landes, das 2017-2018 zur 20-monatigen Inhaftierung des christlich-chinesischen Gouverneurs der Hauptstadt Jakarta, Basuki Purnama, wegen einer Äußerung über einen Koranvers führte.

Im Januar 2021 ging die Geschichte einer christlichen Schülerin auf Facebook viral, die vom Schuldirektor unter Druck gesetzt wurde, ein Kopftuch zu tragen. Innerhalb von zwei Wochen reagierte die indonesische Regierung mit einem Erlass, der es öffentlichen Schulen verbot, religiöse Kleidung vorzuschreiben.

Kurzum, in Indonesien herrscht ein Tauziehen zwischen toleranten und intoleranten Auslegungen des Islams. Selbst innerhalb der NU gibt es Uneinigkeiten zwischen Konservativen und Reformisten.

Nichtsdestotrotz gewinnen die Nahdlatul Ulama-Reformer an Einfluss. Ein Beispiel dafür ist der derzeitige Minister für religiöse Angelegenheiten, Yaqut Cholil Qoumas, ein führendes NU-Mitglied und der jüngere Bruder des reformorientierten Generalsekretärs der NU. Er war einer der drei Minister, die im Februar den gemeinsamen Erlass zum Verbot des Kopftuchzwangs für Studentinnen unterzeichneten.

Der humanitäre Islam der NU könnte entscheidend sein, um die Toleranz unter der islamischen Mehrheit Indonesiens zu fördern. Aber kann sie auch außerhalb Indonesiens Wirkung zeigen?

Einflussnahme auf den Nahen Osten

Die Rezeption dieser Reformbewegung im Nahen Osten, dem historischen Zentrum des Islams, ist wichtig, wenn sie eine globale Wirkung entfalten soll. Der humanitäre Islam wurde von den Gelehrten und Regierungen des Nahen Ostens weitgehend ignoriert. Sie sehen ihn als Konkurrenz zu ihren eigenen Versuchen, die muslimische Welt zu beeinflussen. Die Bemühungen die islamische Welt mitzugestalten, unterscheidet sich bei der nichtstaatlichen Initiative des humanitären Islams von der des Nahen Ostens grundlegend, diese werden meistens von Regierungen geleitet.

Mit seinem reformorientierten Schwerpunkt könnte der Humanitäre Islam einige junge Muslime im Nahen Osten ansprechen, die mit den politischen und konservativen Auslegungen ihrer Länder unzufrieden sind.

Um ein Publikum im Nahen Osten zu erreichen, hat die Humanitäre Islam-Bewegung eine arabischsprachige Version ihrer englischen Website eingerichtet. Es bleibt abzuwarten, ob diese indonesische Initiative auch im Nahen Osten Wirkung zeigen und zu einer wirklich globalen Bewegung für islamische Reformen werden kann.

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Die englische Originalversion dieses Beitrages wurde in The Conversation veröffentlicht.
* Ahmet T. Kuru ist Professor für Politikwissenschaft an der San Diego State University und Autor von „Secularism and State Policies towards Religion: The United States, France, and Turkey“.  Sein 2019 erschienenes Buch „Islam, Authoritarianism, and Underdevelopment: A Global and Historical Comparison“ eine Auszeichnung erhalten; es wurde ins Arabische, Bosnische, Indonesische und Persische übersetzt. 

 

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