Mit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan richten sich nun alle Augen auf dieses Land. Nachrichten erreichen uns nur wenige. Die Familie Hoseini flüchtete vor 6 Jahren nach Deutschland in einer beschwerlichen Reise, die 3 Monate dauerte, um den Taliban zu entkommen. Als Flüchtlinge verleihen sie ihren unbeschreiblichen Gefühlen Ausdruck:

„Wir sind hier frei, während unsere Verwandten und Freunde noch in Afghanistan sind. Wir bangen um sie. Und von denjenigen, die es hierher geschafft haben, sind fünf unter uns, deren Aufnahmeprozess noch nicht abgeschlossen ist. Wir haben große Angst, dass sie abgeschoben werden.“ 

Die in Hamm ansässige Familie lebt mit den Schwierigkeiten, in einem fremden Land Fuß zu fassen. Die 31-jährige Masoume berichtet in einem fließenden Deutsch: “Erst hat der Präsident Asraf Gani das Land verlassen und es den Taliban überlassen.“ Der 21-jährige Bruder Sajjad ergänzt. „Die Kämpfer der Taliban werden auf 80 bis 90 Tausend geschätzt. Während die afghanische Armee 300 Tausend ausgebildete Soldaten umfasst. Der Präsident sagte zwar, dass es kein Blutvergießen geben soll, doch die Methoden der Taliban sind kein Geheimnis.“ Der Anerkennung der Taliban von Pakistan, China und dem Iran begegnen sie mit Unverständnis.

Masoume Hoseini (31) hat beim Überfall der Taliban in ihrem Haus schwere Verletzungen davongetragen.

Der Familie Hoseini zufolge waren die Taliban auch vorher aggressiv und bedrohten alle mit Gewalt, die ihre Meinung nicht teilen. „Die Welt soll sich von ihren Worten nicht hinters Licht führen lassen. Nun sind sie ein Staat und noch viel gefährlicher.“ warnen sie und fügen hinzu: „Sie sehen sich als die besten Muslime, wobei es ihnen an jeglicher Menschlichkeit fehlt!“

Warum haben sie Afghanistan verlassen?

Masoume, die bei einem Überfall der Taliban in ihrem Haus schwere Verletzungen davongetragen hat und heute noch nach 6 Jahren mit Narben auf Gesicht und Stirn ihren Alltag meistert, erzählt von ihrer Fluchtgeschichte:

„Wir lebten in einem Dorf bei Uruzgan in der Nähe von Kandahar im südlichen Afghanistan. Der Druck und die Drohungen der Taliban hatte uns dahin verschlagen. Mein Vater und mein Mann arbeiteten in der Region beim Straßenbau. Die Taliban jedoch waren gegen den Ausbau von Straßen, weil die Regierungskräfte diese für den Transport nutzen konnten. Wie alle Arbeiter wurden auch wir bedroht. Eine Weile später bekamen wir einen Brief, in dem wir offenkundig mit dem Tod bedroht wurden, wenn wir nicht mit dem Arbeiten aufhören würden. Im Juni 2015 kamen sie dann an unsere Tür, fielen gewaltsam ein und schlugen jeden einzelnen in meiner Familie. Meinem Vater wurde der Kiefer gebrochen und seine Zähne ausgeschlagen, mir wurde das Gesicht wund geschlagen. Wir waren verzweifelt und von Angst erfüllt.“

Masoume Hoseini erzählt, dass sie nach diesem Vorfall all ihr Hab und Gut veräußert und die Grenze zum Iran überquert haben. „Im Iran hatten wir Verwandte und ließen uns in ihrer Wohnung nieder“ sagt sie. Die schweren Verletzungen, die sie in die Flucht getrieben haben, wurden heimlich von Ärzten behandelt, die sie ins Haus riefen.

Zahra Hoseini führt an, dass sie die größten Probleme während ihres 15-tägigen Aufenthalts im Iran an der iranischen Grenze zur Türkei erlebten.

Die 16 Personen umfassende Familie berichtet, dass ihr am Grenzübergang zur Türkei der Großteil ihrer Ersparnisse von 80 Tausend Dollar geraubt wurde und sie bis auf ihre Kleidungen ausgeplündert wurden. Da sie das Geld unter sich verteilt haben, konnten sie einen kleinen Betrag retten.

Die 28-jährige Zahra, die ihren Bildungsweg in Deutschland fortsetzen kann, während sie gleichzeitig arbeitet und sich um ihr Kind kümmert, führt uns folgende angsterfüllten Momente vor Augen:

„Wir hatten die Grenze schon überquert als die türkische Polizei unsere Gruppe sah. Wir flüchteten zurück in die Berge und versteckten uns 10 Tage lang. Danach brachte man uns in Scheunen unter. Um nach Istanbul zu gelangen, gaben wir den Schmugglern Geld, für einen großen Kleinbus. Jedoch haben sie diesen mit noch anderen Gruppen gefüllt, so dass wir völlig eingepfercht waren. Und wir waren gezwungen, bis nach Istanbul in diesem Zustand zu fahren. Wir verweilten zwei Tage in Istanbul, bevor wir die Küste der Ägäis erreichten. In Griechenland angekommen waren wir etwas erleichtert. Die Überfälle hatten aufgehört und die Angst nahm ab. Wir zogen zusammen mit den großen Gruppen über Mazedonien, Serbien, Kroatien weiter und kamen im Oktober 2015 endlich in Deutschland.“

„Taliban versprechen Veränderung, doch sie lügen“

Über die Taliban, die nun Machthaber in Afghanistan sind, sagt Zahra: „Deren Pläne sind kein Geheimnis.  Die Frauen werden dabei am meisten unterdrückt. Man möchte nicht, dass sie die Schule besuchen. In meinem Dorf in Kandahar errichtete man mit dem unter sich zusammengelegten Geld Schulen, die Taliban kamen jedoch und rissen sie immer wieder nieder.“ Sie erinnert daran, dass es Kindern gewährt wurde, für 5 bis 6 Jahre die Madrasa (Religiöse Schule) zu besuchen und fügt an: „Ich und meine Schwestern konnten nicht in die Schule. Mein Onkel, der Lehrer war, kam zu uns nach Hause und unterrichtete uns im Geheimen. So lernten wir bis zur 10.-11. Klasse…“

„Taliban sprechen Veränderung, doch sie lügen. Die Taliban haben sich nie verändert. Nur aufgrund des Drucks, der von den USA und anderen Ländern ausgeht, benutzen sie eine gemäßigte Sprache. Wir wissen das am besten. Wir bekamen ihre Unterdrückung und Gewalt zu spüren, als sie noch kein Staat waren.“

Die Familie ist sich über die Frage der Rückkehr nach Afghanistan einig. Zahra Hoseini fasst die Lage zusammen:“ Erst haben die Russen Afghanistan besetzt, dann kamen die Taliban und anschließend die Amerikaner. Nun wieder die Taliban… Wir können nicht mehr heimkehren und werden es auch nicht. Afghanistan hat keine Zukunft. Wir haben jegliche Hoffnung verloren. Zum einen möchten wir nicht umkehren, zum anderen vermissen wir es wegen des dort Erlebten auch nicht.

Sajjad stellt fest, dass sie in Deutschland weder von ihrer Religion noch von ihren Werten abgelassen haben, und sagt: „Als Muslime können wir hier unsere Religion und unsere Kultur besser ausleben. Hinzu noch, mit unserem freien Willen… Für Deutsche ist es nicht von Belang, was wir tun und denken oder wie wir uns kleiden. Wir können uns in der Schule anziehen wie draußen in unserer Freizeit.“

Das größte Problem, mit dem die Familie sich nun konfrontiert sieht, ist, dass die Aufnahmeprozesse von einigen Familienmitgliedern immer noch nicht zum Ende gekommen sind. Ihre größte Angst ist es, nach Afghanistan, das nun unter der Herrschaft und der Willkür der Taliban-Regierung steht, abgeschoben zu werden, und sie sagen: „Man soll uns nicht an einen Ort schicken, von dem jeder flüchtet.“

©Fotos: S. Sevi

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