Der religiöse Fundamentalismus hängt wieder einmal an der großen Glocke. Wobei sie doch allem voran seit 9/11 zurecht nicht aus aller Munde fällt und noch in scheinbar weiterer Zukunft dort verweilen wird. Auch die letzte bekannte Gräueltat an dem französischen Lehrer und die Messerattacke in Nizza sowie der Anschlag in Wien wirft die Frage in den Raum: Welche Faktoren begünstigen bzw. bestärken den religiösen Fundamentalismus? Gerade auch die Intoleranz der Islamisten gefährden das Zusammenleben in unserer Gesellschaft.

Eine länderübergreifende quantitative Studie aus dem Jahre 2018 versucht Faktoren aufzugreifen, die als Trigger bzw. Anreiz bestärkend auf den religiösen Fundamentalismus wirken.

Dazu wurde unter der Führung von Mansoor Moaddel und Arland Thornton die Forschung „Religious Fundamentalism in Eight Muslim-Majority Countries: Reconceptualization and Assessment“* in über acht mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern durchgeführt. Dafür wurden insgesamt 23.000 Teilnehmer befragt, davon 3.143 in Ägypten, 3.000 im Irak, 3.008 in Jordanien, 3.034 im Libanon, 3.523 in Pakistan, 1.635 in Saudi-Arabien, 3.070 in Tunesien sowie 3.019 in der Türkei.

Die Befragung orientiert sich an der Rekonzeptualisierung des Fundamentalismus Begriffes, genauer wurden dafür vier Merkmale bestimmt, die den Begriff „Fundamentalismus“ umrahmen. Zunächst muss man deshalb den Fundamentalismus bestimmen und versuchen zu definieren, um die Ursachen sowie Entstehung des Phänomens nachvollziehen zu können. Was ist dieser und welche Kennzeichen gibt es dafür?

Denn für die gemeine Zunge ist nicht immer per se eine strikte Unterscheidung zwischen Fundamentalismus und beispielsweise Konservatismus oder einem durchschnittlichen Moscheegänger gegeben. Laut dieser Studie ist das erste spezifische Merkmal des Fundamentalismus der Glaube an einem strafenden Gott (deity), der Gläubige belohnt sowie Ungläubige als auch religiöse Regeln Missachtende mit der Hölle straft. Daran angeschlossen stellt die „religious intolerence“ (religiöse Intoleranz) eine partikularisierende bzw. isolierende Haltung gegen Andersgläubige dar, das auch teils auf der Begründung beruht, -die eigene Religiosität rein und unbeeinflusst zu belassen. Insofern tolerieren die religiösen Fundamentalisten abweichende Meinungen, Anschauungen, Kritik an der eigenen Religiosität nicht und die eigenen Kinder sollen; dürfen nicht andere Religionen, Ideologien erlernen.  Auch die Unfehlbarkeit der religiösen Texte (inerrancy of the scriptures) und die Betrachtung dieser als universelle Wahrheit zählt als drittes Merkmal. Hinzu kommt die Verneinung menschengemachter Gesetze und der Vorrangstellung des eigenen religiösen Textes u.a. über wissenschaftliche Wahrheiten. Zuletzt kann die „religious exclusivity“ (religiöser Exklusivismus) als die Anhäufung und der Zusammenschluss der eben genannten Merkmale des Fundamentalismus begriffen werden, der einen Absolutheitsanspruch der eigenen Religion aufwirft. Infolgedessen räumen religiöse Fundamentalisten anderen Religionen keine Existenzberechtigung ein und ersehen die eigene Religion als den „einzig wahren Weg“, sodass nur Anhänger ihrer Religion die Pforten des Paradieses übertreten können. Diese vier Merkmale wurden für die Studie als Parameter angeführt, um die Faktoren zu bemessen die den Fundamentalismus begünstigen.

Welche Faktoren begünstigen sodann den eben umrissenen Rahmen des Fundamentalismus?

Die Studie unterscheidet hierbei zwischen der (I)individuellen sowie (II)länderübergreifenden Ebene, zu der Staatsstrukturen (Verflechtung von Staat und Religionsgemeinschaften) und auch persönliche Auffassungen und Wertvorstellungen eingegliedert sind.

Aus der länderübergreifende Analyse geht hervor, dass der Fundamentalismus in Ländern, in denen die Religionsfreiheit als auch die religiöse Vielfalt eingeschränkt ist, erstarkt. Dementsprechend ist der Fundamentalismus in Ägypten am höchsten, gefolgt von Pakistan, Saudi-Arabien, Irak, Jordanien, Tunesien, Türkei und Libanon.

Folglich gelten staatliche Regulationen hinsichtlich der Religion auch als Faktor, die den rel. Fundamentalismus erstarken lassen. Kaum globalisierte Länder bzw. Jene, die protektionistisch ausgelegt sind und auch autoritäre Strukturen und zugleich zentralistische Ausprägungen aufweisen, forcieren laut Autoren den Fundamentalismus.

Auf der individuellen Ebene zeichnet sich jedoch gleichsam ab, dass schlechte sozioökonomische Verhältnisse also Armut den Fundamentalismus fördern. Der damit der einhergehende Fatalismus, welcher sich als absoluter Gehorsam gegenüber dem strafenden Gott kenntlich macht, begünstigt auch den Fundamentalismus. Hinzu kommt die religiöse Zugehörigkeit zu der vorherrschenden bzw. dominierenden Religion oder Sekte, oder der ethnischen Mehrheit und starkes Vertrauen in religiöse Einrichtungen als weiterer Faktor. Solches Vertrauen in religiöse Institutionen, der fern von einem reflektierten durchdachten Verhältnis ist, bringt gleichsam laut Studie ein monolithisches Religionsverständnis hervor und prozessiert auch eine stärkere Gegenhaltung zu liberalen Werten und zum Säkularismus.  Auch Fremdenfeindlichkeit und die einseitige Beschaffung von Informationen gekoppelt an einen engen geschlossenen Familien-, Freundeskreis sind laut Autoren basale Bedingungen des Fundamentalismus. Die Studie greift zusammengefasst verschiedene Facetten des rel. Fundamentalismus, einschließlich Teile der auslösenden Faktoren auf. Bei erster Betrachtung scheinen die länderübergreifenden Faktoren in Gesellschaften, die durch Pluralismus und der Religionsfreiheit geprägt sind, als nicht gegeben. Den der freiheitlich-demokratische Rahmen des Zusammenlebens wiederspiegelt den Gegensatz eines zentralistischen regulierenden und religiöse Vielfalt einschränkenden Staates. Die jüngsten Ereignisse in Frankreich sowie die unbestrittene Existenz von Islamisten in Deutschland wirft ein anderes Licht auf die Erstarkung des religiösen Fundamentalismus.

Die individuellen Faktoren lassen sich vornerann auch im europäischen Kontext wiederfinden. Die Einseitige Beschaffung von Informationen verbunden mit dem enggeschlossenen Familien- und Freundeskreis kann als begünstigender Faktor auch hierzulande aufgefunden werden.

Digitale Medien in der Muttersprache bieten Muslimen mit Migrationshintergrund den Zugang zu Informationen aus ihrem Herkunftsland, denn diese ermöglichen ein physisches Leben in Deutschland aber eine psychische Abwesenheit. Marginalisierte Menschen, die sich teilweise durch den Einfluss von Stigmata oder anderen exogenen sowie endogenen Faktoren nicht als Teil der Mehrheitsgesellschaft wahrnehmen, kommt diese geistige Absonderung sehr gelegen. Gerade da können auch die Faktoren der Studie eingreifen und eine Radikalisierung oder einen Zuwachs vom religiösen Fundamentalismus prozessieren. Im Übrigen kann die Ghettoisierung oder das Leben in Parallelgesellschaften eine solche Isolierung bezwecken und die einseitige Betrachtung sozialer Phänomene sowie die identitäre Wahrnehmung, die dem der Studie entspricht, hervorbringen. Solche geschlossenen Gesellschaften würden in diesem Sinne auch eine strikte Gegenhaltung zu liberalen Werten konservieren können.

Letzten Endes fragt man sich in welchem Ausmaß eine Ghettoisierung in Frankreich sowie die geistige Abgesondertheit von Muslimen in Deutschland verbreitet bzw. ausgewuchert ist. Wird dieser auch in naher Zukunft Individuen schaffen, die hier geboren und aufgewachsen sind, sich aber gegen liberale Werte einsetzen?

  • „Religiöser Fundamentalismus in acht Ländern mit muslimischer Mehrheit: Rekonzeptualisierung und Bewertung“