Jens hatte verschlafen, und nun verfluchte er sich selbst. Denn eigentlich hätte er heute sogar früher aufstehen müssen als sonst. Auf seinem Tagesprogramm stand für den Morgen eine wichtige Sitzung, und so verschlang er hastig zwei Scheiben Brot zum Frühstück und eilte dann zu seinem Auto. Auf dem Weg zur Arbeit schien es ihm, als stünden alle Ampeln auf Rot und hätten sich gegen ihn verschworen.

Er kam einige Minuten zu spät, jedoch war ihm niemand böse. Die Sitzung verlief dann auch recht gut. Anschließend ging Jens in sein Büro. Er hatte noch jede Menge zu tun: Er musste dringend beginnen, an einem umfangreichen Bericht zu arbeiten, der in zwei Wochen fällig war. Dann musste er sich um eine Präsentation für ein Projekt kümmern, das er gerade beendet hatte, und einen Antrag für ein neues Projekt stellen. Ganz zu schweigen von diversen kleineren Büroarbeiten. Doch nach alledem stand ihm jetzt gerade nicht der Sinn. Das konnte warten, jedenfalls ein paar Minuten. Was ihn viel mehr interessierte, waren die anstehenden Landtagswahlen. Deshalb machte er sich im Internet auf die Suche nach den neuesten Informationen dazu. Und so verbrachte er, fast ohne es zu merken, eine Stunde lang im Netz.

Danach hatte Jens ein schlechtes Gewissen und begab sich notgedrungen an die Projektpräsentation. Das Projekt war ein voller Erfolg gewesen, also sollte doch auch die Präsentation kein Problem darstellen. Schließlich hatte er so etwas schon öfter gut hinbekommen. Er skizzierte die entscheidenden Gedanken im Kopf und erstellte eine erste Folie. Damit verbrachte er ziemlich viel Zeit, mehr als vorgesehen, aber es wollte ihm nicht recht gelingen. Das Ergebnis seiner Bemühungen ließ sehr zu wünschen übrig und überzeugte ihn nicht im Geringsten. Mehrmals begann er wieder von vorn, doch schon bald waren seine Energie und seine Motivation aufgebraucht. Die Ausarbeitung der Präsentation war doch schwieriger als erwartet. Besser, sie auf später zu verschieben.

Er würde sich also zunächst dem Bericht zuwenden, aber als Allererstes brauchte er dringend eine Pause. Es war 13.00 Uhr, Zeit für das Mittagsgebet. Doch auch das konnte warten. Vorher musste er noch kurz seine Emails checken. Auf seinen insgesamt drei Email-Konten war nur eine Nachricht eingegangen. Ein Freund aus Schultagen erkundigte sich, wie es ihm gehe. Darauf zu antworten war ihm aber jetzt zu mühsam, schließlich hatte er ja Pause.

Nach der Pause setzte er sich an den Bericht. Eigentlich hatte er ihn bereits letzte Woche fertigstellen wollen, aber das hatte er nicht geschafft; nicht, weil er zu wenig Zeit gehabt hätte, sondern weil es noch so lange hin war bis zum Abgabetermin und er deshalb andere Dinge vorgezogen hatte. Egal. Nach einer Weile öffnete sich auf dem Bildschirm ein Fenster. Die Software mit der er arbeitete, fragte ihn, ob er ein Update vornehmen wolle. Weil er sowieso keine Lust auf den Bericht hatte, kam ihm diese Abwechslung gerade recht. Er startete den Download, und auch das Installieren dauerte seine Zeit. Beides war eigentlich völlig unnötig. Jens aber überzeugte sich selbst davon, dass die neue Programm-Version sicherlich viele Vorteile haben würde.

Während er den Computer neu startete, machte er sich auf dem Papier erste Notizen für den Bericht. Doch da klopfte es an der Tür. Es war sein Freund aus dem Büro nebenan, der Jens fragte, ob er am Wochenende mit zum Basketball käme. „Nein“, entgegnete Jens, „das würde ich ja sehr gern, aber ich bin im Moment sehr beschäftigt und habe deshalb keine Zeit.“ Als er wieder allein im Büro war, warf er einen Blick auf die Uhr. O je, wenn er das Mittagsgebet noch rechtzeitig verrichten wollte, dann musste er sich jetzt aber beeilen. So suchte er schnell den dafür vorgesehenen Raum auf und vollzog die Pflichtteile des Gebets. Für die freiwilligen Teile indes blieb keine Zeit mehr.

Nach dem Gebet überlegte er, ob er nicht vielleicht erst den Antrag für das neue Projekt schreiben sollte. Der musste zwar erst nächste Woche fertig sein, aber Jens hatte sich fest vorgenommen, ihn schon diese Woche abzuschließen. Das wäre normalerweise auch ohne Weiteres möglich gewesen. Aber zu allem Unglück musste er sich jetzt ja immer noch mit dem Bericht und der Abschluss-Präsentation herumschlagen. Jens bekam immer schlechtere Laune. Als er das nächste Mal auf die Uhr schaute, erschrak er: schon fast sechs. Er war verheiratet, also konnte er nicht einfach länger im Büro bleiben. Was soll’s? Er würde eben einfach zu Hause weiter an dem Bericht arbeiten, dachte er sich. Er packte seine Sachen zusammen, schloss die Tür hinter sich und verließ das Gebäude. Dann setzte er sich ins Auto und fuhr nach Hause.

Beim Abendessen sprach ihn seine Frau darauf an, dass sie schon lange nicht mehr zusammen im Kino waren, und fragte ihn, ob sie das nicht in den kommenden Tagen nachholen sollten. Jens versicherte ihr, auch er habe große Lust dazu, aber leider sei er diese Woche zu beschäftigt; vielleicht nächste Woche. Allerdings fiel ihm ein, dass er etwas Ähnliches schon letzte Woche zu ihr gesagt hatte. Er wusste, dass das effiziente Arbeiten nicht gerade seine Stärke war; selbst dann nicht, wenn er sich wirklich Mühe gab. Und so tadelte er sich selbst für seine Faulheit und dafür, kein besonders guter Ehemann zu sein.

Die Wochen vergingen, und Jens versank immer weiter in seiner Lethargie. Meistens schaffte er es so gerade noch, seine dringendsten Pflichten zu erledigen (seinen Job, einige Ehrenämter und die eine oder andere häusliche Pflicht). Doch mehr als das absolute Minimum brachte er nicht zustande. Mit seinem Pensum war er zwar nicht sehr zufrieden, aber auch nicht ganz unglücklich. Seine Frau dagegen konnte sich mit dieser ganzen Situation überhaupt nicht anfreunden. Jedes Mal, wenn sie Jens um etwas bat, versprach er ihr, es bald zu tun; in Wirklichkeit jedoch kam er dann nie dazu.

Eines Morgens, an einem Wochenende, fragte sie Jens wieder einmal, ob sie nicht zusammen ausgehen könnten. Wie üblich flüchtete er sich auch diesmal in Ausreden und vertröstete sie auf einen späteren Zeitpunkt. Doch nun reichte es ihr endgültig, und so sagte sie ihm direkt ins Gesicht, dass sie kein Vertrauen mehr zu ihm habe. Jens war schockiert, mit so einem Vorwurf hatte er nicht gerechnet. Er rechtfertigte sich halbherzig und erklärte ihr, dass er alle seine Versprechen stets in aufrichtiger Absicht gemacht hatte. Aber seine Frau ließ sich davon nicht überzeugen. Er sagte, es tue ihm leid, aber sie nahm seine Entschuldigung nicht an. Schließlich hatte er sich schon hundert Mal bei ihr entschuldigt, ohne dass sich dadurch irgendetwas geändert hätte. Jens wusste: In der Ehe gibt es nichts Wichtigeres als Vertrauen. Das Vertrauen des Partners zu verlieren bedeutete, alles zu verlieren. Er fühlte sich schrecklich und versuchte, sich irgendwie herauszureden. Aber seine Frau ignorierte seine Ausflüchte. Irgendwann platzte ihm der Kragen. Er warf ihr vor, ihn nicht zu verstehen, rannte aus dem Haus, stieg ins Auto und fuhr mit quietschenden Reifen davon.

In einem Wald ging er einige Stunden lang spazieren und dachte darüber nach, was schiefgelaufen war. Seine Frau hatte ja Recht. Tatsächlich hatte er ihr gegenüber oftmals Versprechungen gemacht und sie auch ehrlich erfüllen wollen. Aber letzten Endes hatte er gemeinsame Unternehmungen dann meistens so weit nach hinten geschoben, bis er sie letztlich ganz aus den Augen verlor. Sein Gewissen plagte ihn, und er gelobte sich selbst Besserung. Aber wie sollte er das anstellen? An guten Vorsätzen hatte es ihm ja nie gemangelt. Problematisch war nur die Umsetzung. Plötzlich kam ihm der Gedanke: „Was, wenn auch Gott mir inzwischen nicht mehr vertraut? Was, wenn Er mir vorwirft, dass ich die vielen Chancen, die ich zweifellos hatte, vergeudet habe, und sagt: „Nun ist endgültig Schluss?“

Er verrichtete das Nachmittagsgebet. Danach rezitierte er mehrere Male den folgenden Koranvers: Ist es vorstellbar, dass der Eine, der erschafft, nicht wissen sollte? Er ist der Scharfsinnige, der Kundige. (67:14) Mit diesen Worten bat er den Einen, der Kenntnis von allen Dingen hat, den Erbarmer, den Barmherzigen, den Allmächtigen um Beistand.

Langsam machte sich Entschlossenheit in ihm breit. Diesmal würde er sich aus seiner Lethargie befreien, diesmal würde er das Problem bei der Wurzel packen. Dass die Lethargie sein größtes Problem war, stand für ihn außer Frage. Aber welche tieferen Ursachen steckten hinter ihr? Es war ja nicht so, dass er stolz war auf seine Faulheit. Im Gegenteil, er wollte möglichst erfolgreich sein, und wenn er all seine Energie auf eine Sache konzentrierte, dann gelang ihm das auch sehr gut. Nur war er sehr unorganisiert und schaffte es nicht, sich seine Zeit sinnvoll einzuteilen. Er verschwendete viel zu viel Zeit auf Dinge, die ihm notwendig erschienen, in Wirklichkeit aber unnötig waren. Zum Beispiel verbrachte er Stunden um Stunden mit überflüssigem Surfen im Internet, mit der Installation von Programm-Updates usw. Hinzu kam, dass er ein Perfektionist war. Alles, was er anpackte, wollte er perfekt machen, egal ob es sich dabei um einen Bericht, eine Präsentation oder etwas anderes handelte. Das ist ja eigentlich keine schlechte Eigenschaft. Allerdings war er so kritisch mit sich selbst, dass ihm dadurch jeder Spaß an der Arbeit abhanden kam.

Er neigte dazu, Dinge auf die lange Bank zu schieben, und dadurch wuchs ihm die Arbeit über den Kopf. Verzögerte sich ein Entwurf, so verzögerten sich auch alle anderen immer weiter. Und das bereitete ihm Sorge. Ständig kreisten seine Gedanken um dieses Problem. Ständig hatte er das Gefühl, keine Zeit zu haben – nicht für die Beantwortung seiner Emails, nicht für zusätzliche Gebete, nicht für seine Frau, nicht für gemeinsame Unternehmungen, nicht für Sport, nicht für Bücher – für gar nichts. Dabei wusste er doch zum Beispiel, dass er sich die Zeit nehmen sollte, Sport zu treiben. Denn um hart arbeiten zu können, brauchte er einen gesunden Körper und einen gesunden Geist. Außerdem brauchte er dringend ab und zu eine Stunde Entspannung. All das war wesentlich nützlicher, als ständig mit einem schlechten Gewissen im Internet zu surfen und dabei zu denken: „Das sollte ich jetzt lieber nicht tun!“ Er musste gelegentlich mal ganz abschalten, um den Tag mit einem ausgeruhten Geist angehen zu können.

Die Lösung seiner Probleme verlangte nach Elan und Entschlossenheit, doch beides besaß er nicht gerade im Übermaß. Da erinnerte er sich an einen Koranvers: Mein Herr würde Sich nicht um euch kümmern, wäre es nicht um eurer Bittgebete willen. (25:77) Natürlich, er selbst war zu schwach, um sein Leben von einem Moment auf den anderen zu verändern. Aber er hatte gelernt, dass er, wenn er auf Gott vertraute, der mächtigste Mann der Welt sein konnte. Und viele weitere Gedanken schossen ihm in den Kopf: Welch große Bedeutung die Worte „Im Namen Gottes!“ haben und dass der Prophet Muhammad uns für fast jeden Anlass ein Gebet hinterlassen hat; wie wichtig es ist, dass man sich ganz in die Obhut Gottes begibt, dass man morgens das erste Gebet nicht verschläft (der Prophet pflegte deshalb bereits nach dem Nachtgebet zu Bett zu gehen) und dass man seine täglichen Pflichtgebete so früh wie möglich verrichtet. Nun fiel ihm wieder ein, was er lange Zeit vergessen hatte: dass man nicht zu viel essen, schlafen und reden sollte, dass wer viel isst auch viel schlafen muss, dass man außerdem nur statthafte Nahrung zu sich nehmen sollte, dass man nicht auf morgen verschieben sollte, was man auch heute schon erledigen kann, dass die zwischen zwei Gebeten verrichtete Arbeit im Islam als Dienst an Gott gilt, dass man seine freie Zeit zu schätzen wissen sollte und so weiter.

Er fühlte sich überfordert. Mit Sicherheit würde es ewig dauern, bis er auch nur einige wenige dieser Dinge in seinem Leben verwirklichen konnte. Doch dann dachte er wieder an den obigen Vers, und er wusste, er war nicht allein. Wo also sollte er anfangen? Er rezitierte erneut: Ist es vorstellbar, dass der Eine, der erschafft, nicht wissen sollte? Er ist der Scharfsinnige, der Kundige (67:14), und beim Beten wurde ihm klar, dass Gott alles von ihm wusste – also auch, dass er sich von seinen Problemen befreien wollte, es aber ohne Unterstützung nicht schaffte. Jens bat Ihn um Beistand und um Lösungen. Er nahm sich vor, sein Leben ab morgen früh von Grund auf zu verändern. Doch halt! Wahrscheinlich war es der Satan persönlich, der ihm einflüsterte, erst morgen damit zu beginnen. Er durfte sich diesen Wankelmut auf keinen Fall länger durchgehen lassen.

Zurück zu Hause wartete das Abendessen auf ihn, und da kamen ihm fast die Tränen: „Was für eine geduldige Frau ich doch habe. Wir hatten Streit, und trotzdem hat sie noch Essen für mich gekocht.“ Es schmeckte vorzüglich, aber trotzdem aß er nicht viel. Zum einen fühlte er sich nicht besonders gut, zum anderen wollte er ab sofort auch weniger essen. Als es Zeit war für das Nachtgebet, eilte er unverzüglich zu seinem Gebetsteppich. Er wusste, wenn er es nicht jetzt vollzog, würde er in Versuchung kommen, es immer weiter aufzuschieben. Nach dem Gebet legte er sich direkt ins Bett. Es war ein anstrengender Tag gewesen.

Am nächsten Morgen erwachte Jens in aller Frühe, und es bereitete ihm auch gar keine Schwierigkeiten aufzustehen; denn er hatte ja nicht mit vollem Magen geschlafen und war früh zu Bett gegangen. Er betete: „Aller Lobpreis gebührt Gott! Er gab mir neues Leben, nachdem ich schon tot war. Zu Ihm werden wir einst zurückzukehren. Es gibt keine Gottheit außer Ihm. O Gott, lasse mir Wissen zuteilwerden. Lass mich nicht wieder abweichen, nachdem Du mich auf den rechen Weg geleitet hast, und schenke mir Deine Barmherzigkeit. Du bist der Gewährende.“ Er dankte Gott dafür, ihm eine neue Chance zu geben.

Er verrichtete das Morgengebet und dachte über einige der Weisheiten nach, die mit diesem Gebet verknüpft sind: Uns Menschen lässt von Natur aus kaum etwas unberührt; so vieles betrübt und bekümmert uns, oft werden wir von Unglück heimgesucht, und unsere Feinde sind zahlreich. Gleichzeitig aber sind wir auf uns allein gestellt schwach und hilflos, ganz und gar ohnmächtig. Unsere Wünsche gehen ins Unendliche, während wir zugleich unendlich bedürftig sind. Wir sind bequem und unproduktiv, obwohl die Pflichten des Lebens schwer auf uns lasten. Unser Menschsein verbindet uns untrennbar mit dem Rest des Universums, und deshalb fügen uns der Verfall und das Verschwinden der Geschöpfe und Dinge, die wir lieben und mit denen wir vertraut sind, unaufhörlich Schmerzen zu. Unser Verstand zeigt uns die erhabensten Ziele und die am höchsten hängenden Früchte. Doch sie zu erreichen fällt uns schwer. Unsere Lebensspanne ist ebenso begrenzt wie unsere Geduld, und auf die meisten Dinge haben wir keinen Einfluss. Umso segensreicher ist es daher, wenn wir am Anfang jeden Tages Zuflucht bei dem Allmächtigen, Gnädigen und Schönen Einen nehmen und Ihn um Erfolg und Seinen Beistand bitten; unsere Gebete und Bittgebete in den frühen Morgenstunden sind uns dabei eine entscheidende Stütze. Sie helfen uns dabei, den Tag anzunehmen und unsere Pflichten zu erfüllen. Jens suchte vor allem vor seiner Lethargie Zuflucht bei Gott. Einerseits fühlte er sich energiegeladen, andererseits war er aber immer noch sehr aufgewühlt von dem, was gestern passiert war, und Erschöpfung breitete sich in ihm aus. Er kämpfte gegen den Drang an, sich wieder ins Bett zu legen. Und um richtig wach zu werden, nahm er erst einmal eine Dusche. Anschließend las er ein paar Seiten im Koran. Jetzt, wo er die Gegenwart Gottes spürte, schämte er sich sehr; interessanterweise nahm er aber auch die Nähe Gottes sehr intensiv wahr.

Nach einem leichten Frühstück fuhr Jens ins Büro. Es war noch ziemlich früh. Auf der Arbeit angekommen machte er sich eine Liste von Dingen, die heute getan werden mussten. Dann unterteilte er seinen Tag in fünf Abschnitte, analog zu den fünf Pflichtgebeten. Die Gebete trug er als Erstes in die Liste ein. Sie sind ja nicht an eine bestimmte feste Uhrzeit gebunden, sondern jedes von ihnen hat einen gewissen Zeitkorridor. Er war fest entschlossen, sie jeweils so früh wie möglich zu verrichten. Dann ordnete er die anderen Aufgaben des Tages den einzelnen Abschnitten zu.

Nun war es an der Zeit loszulegen. Er nahm sich das neue Projekt vor, doch der erste Schritt war erfahrungsgemäß immer der schwerste. Jens starrte auf den Bildschirm vor sich, aber sein Gehirn war wie gelähmt. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen und war schon drauf und dran aufzugeben, da fiel ihm ein, welche Kraft und Stärke der Formel Bismillah (Im Namen Gottes!) innewohnt. Er rezitierte sie und schloss noch ein Gebet an: „O Gott, mach es mir leicht, nicht schwer! O Gott, bring alles zu einem guten und positiven Ende!“ Nun fühlte er sich schon ein wenig besser. Er sprach die Worte einige weitere Male vor sich hin. Dann schaffte er es, sich zu überwinden, und er merkte, dass ihm die Arbeit plötzlich leicht von der Hand ging.

Wenn ihn eine Sache ermüdete, sagte er: Alhamdulillah (Aller Lobpreis gebührt Gott)!, bevor er sich mit dem Wort Bismillah gleich der nächsten zuwandte. Nach etwa zwei Stunden war er erschöpft. Sofort überfiel ihn seine alte Neigung, im Internet zu surfen, um sich zu entspannen. Aber er widerstand diesem Impuls. Stattdessen fragte er sich: „Welchen Sinn hätte es, ausgerechnet jetzt im Internet auf Informationssuche zu gehen? Entspannung? Nein, ich kann mich nicht erinnern, dass mir das jemals Entspannung gebracht hätte. Und über aktuelle Ereignisse vom Tage kann ich mich auch heute Abend noch informieren, wenn mein Geist zu nicht viel anderem mehr fähig ist.“ Jens ging nach draußen, um etwas frische Luft zu schnappen. Nach einer 10-minütigen Pause kehrte er an seinen Schreibtisch zurück und erkannte, dass er noch vor dem Mittagsgebet eine weitere Aufgabe abschließen konnte. Er spitzte seinen Bleistift, sagte Bismillah, und noch ehe er sich’s versah, war es Zeit für das Gebet und er hatte die Aufgabe erledigt.

Nun also das Mittagsgebet. Jens dachte darüber nach, wie er wohl von diesem Gebet profitieren konnte: Die Zeit des Mittagsgebets, kurz nach Mittag, markiert den Zenit des Tages. Nicht mehr lange, dann hat man das Tagespensum bereits erfüllt. Zuvor aber gilt es nun, kurz innezuhalten, eine Rast einzulegen und den Druck der Arbeit abzustreifen. Der Geist braucht eine Auszeit von all der Plackerei und Mühsal. Insofern ist das Mittagsgebet eine Wohltat für den menschlichen Geist. Es erlaubt ihm, sich von allem Druck zu befreien, seine Achtlosigkeit abzuschütteln, alle bedeutungslosen, vergänglichen Dinge hinter sich zu lassen und die Hände vor Gott zu falten, der uns Seine Gunst und Gaben zuteilwerden lässt. Er ist der Ewig aus Sich selbst heraus Existierende Eine. Ihm müssen wir Lob und Dank sagen und Ihn um Seine Unterstützung bitten. Mit der Niederwerfung im Gebet gesteht man die eigene Ohnmacht angesichts Seiner Herrlichkeit und Allgewalt ein und bringt Erstaunen, Liebe und Demut zum Ausdruck.

Jens verrichtete sein Gebet mit großer Hingabe. Er schöpfte neue Kraft daraus und rief sich die Quelle dieser Kraft vor Augen. Außerdem erinnerte er sich daran, dass die zwischen zwei Gebeten getane Arbeit dem Islam zufolge als eine Art Gottesdienst betrachtet werden darf. Im Gebet vergaß Jens seinen Job und alles um sich herum. Zum Schluss sprach er noch ein Bittgebet und dankte Gott für alles, was Er ihm gegeben hatte und auch dafür, dass ihm seine Arbeit am Morgen so leicht von der Hand gegangen war. Außerdem bat er Ihn für den Rest des Tages und sein weiteres Leben um Unterstützung.

Nach dem Mittagsgebet arbeitete Jens effektiv weiter und erledigte das, was er am Morgen nicht geschafft hatte. Wenn er müde wurde, holte er ein Buch aus der Tasche und las eine Weile darin. Dann machte er sich wieder ans Werk. Als er die letzte Aufgabe von seiner Liste in Angriff nahm, kam ihm erneut der Gedanke, dass sie eigentlich erst nächste Woche fällig war. Kurz überlegte er, sie zu verschieben und Schluss für heute zu machen. Doch da meldete sich sein Gewissen zu Wort: Was du heute kannst besorgen, dass verschiebe nicht auf morgen.

Der Tag verging wie im Fluge. Es war ein sehr produktiver Tag, und Jens hatte das Gefühl, als würde sich die Zeit ausdehnen. Vielleicht weil er schon früh morgens Gebete rezitiert hatte, vielleicht weil er sich nach dem Morgengebet nicht wieder ins Bett gelegt hatte oder auch weil er so konzentriert gearbeitet hatte. Egal – jedenfalls wusste Jens, dass Gott ihn beschenkt hatte, und er dankte Ihm dafür.

Weitere Tage vergingen. Jens gewöhnte sich an, schon nach dem Nachtgebet schlafen zu gehen, und wenn er in der Nacht aufwachte, Bittgebete zu sprechen. Nach wie vor legte er sich nach dem Morgengebet nicht mehr hin, sondern rezitierte weitere Gebete, bevor er zur Arbeit fuhr. Mit diesem neuen Rhythmus war sehr glücklich, aber die Umstellung fiel ihm auch nicht leicht. Er spürte, dass ihn die Motivation und der Elan, die er anfangs verspürt hatte, langsam, aber sicher wieder verließen. Ein Rückfall war jederzeit im Bereich des Möglichen, und aus Erfahrung wusste er, dass er sich schwer damit tat, länger als einige wenige Tage durchzuhalten. Aber diesmal war Jens entschlossener denn je. Er war es leid, so lethargisch zu sein, und vor allem beunruhigten ihn die Konsequenzen seiner Lethargie. Sie zerstörte sein Leben, und verführte ihn dazu, seine Versprechen, die er seiner Frau oder Gott gegeben hatte, zu brechen. Er wollte diesem Teufelskreis wirklich entrinnen und war ja jetzt auch schon einige Zeit sehr erfolgreich damit. Umso mehr Sorge bereitete ihm der Gedanke, er könnte wieder in seinen früheren Lebensstil zurückfallen. Also betete er zu Gott: „Unser Herr! Lass mich nicht wieder abweichen, nachdem Du mich auf den rechen Weg geleitet hast, und schenke mir Deine Barmherzigkeit. Du bist der Spender unendlich vieler Gunstbeweise.“

Er sprach mit seiner Frau über seine Situation, erklärte ihr, wie die Dinge standen, was es mit seiner Lethargie auf sich hatte und dass er dagegen ankämpfte, auch über seine Ängste. Er versicherte ihr, dass dies der Hauptgrund für seine gebrochenen Versprechen sei und dass er jetzt wirklich alles tat, um seine Probleme in den Griff zu bekommen; dass er bereits gezielte Maßnahmen ergriffen hatte, dass er seine Gebete sehr ernst nahm und auch sonst für gute Ratschläge offen war. Außerdem gab er zu, dass durchaus die Gefahr bestand, dass er in seine alten Gewohnheiten zurückfiele. Schließlich bat er sie, ihn zu ermutigen und ihm zu helfen, wenn er wieder einmal stolperte. Seine Frau fühlte, wie schmerzhaft all dies für ihren Mann sein musste, aber sie spürte auch seine Entschlossenheit. Natürlich waren ihr auch die äußerst positiven Veränderungen der letzten Tage nicht verborgen geblieben. Also versprach sie ihm, immer an seiner Seite zu stehen, und darüber war Jens sehr glücklich. Er beschloss, auch seinen besten Freund ins Vertrauen zu ziehen und mit ihm über seine Bemühungen, dem Leben eine neue Richtung zu geben, zu sprechen.

Tatsächlich machte Jens nun mit jedem Tag Fortschritte. Hin und wieder fiel er kurzzeitig in alte Muster zurück, besann sich dann aber immer schnell eines Besseren. Außerdem passierte ihm das auch immer seltener. Er durfte die ersten Früchte seiner Arbeit und seiner Entschlossenheit ernten und war Gott sehr dankbar für diesen Segen. Es dauerte nicht lang, bis ihm seine neue Lebensweise zur Gewohnheit wurde, und sein früheres Leben erschien ihm nun völlig unwirklich. Manchmal fragte sich Jens, was er nur daran gefunden hatte, und er bereute all die verschwendeten Tage und Stunden. Um wenigstens ein wenig Nutzen daraus zu ziehen, schwor er sich, allen Freunden, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatten, zu helfen. Mit ihnen über seine Erfahrungen zu sprechen, würde ihnen vielleicht Mut machen. Allerdings mussten sie sich schon selbst auf die Suche nach den Ursachen ihrer Probleme begeben. Auch sie mussten eine gewisse Entschlossenheit aufbringen und – am allerwichtigsten – von sich aus den ersten Schritt tun. Auch ihnen würde es bestimmt schwerfallen durchzuhalten. Natürlich, auch sie waren schließlich nur Menschen, auch sie würden sich ohne Gottes Hilfe schwach und ohnmächtig vorkommen. Was sind wir schon wert ohne unsere Gebete, die uns mit Gott verbinden?

Jens überlegte sich, was er wohl sonst noch für seine Freunde tun konnte. Und so ersetzte er fortan das Wort „ich“ in seinen Bittgebeten durch ein „uns“. Auf diese Weise fiel es ihm leichter, mit ihnen mitzufühlen. Außerdem legte er ihnen folgenden Koranvers ans Herz:

O ihr, die ihr glaubt! Wenn ihr (Gottes Sache) unterstützt, dann wird Er euch helfen und eure Füße festen Halt finden lassen. (47:7)

Mustafa Belge

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