Historische Quellen belegen, dass der Begriff Takfir als Glaubensaspekt und politische Haltung von den Kharidschiten in Umlauf gebracht worden ist. Im Koran und in der authentischen Sunna ist er nicht existent. Er leitet sich von dem Wort Kufr ab, was so viel bedeutet wie bedecken, verheimlichen, undankbar sein.

Die Kharidschiten bezichtigten den vierten Kalifen Ali und seine Anhänger des Unglaubens, weil diese im sogenannten Schiedsrichter-Fall2 Menschen als Schiedsrichter und Vermittler akzeptierten. Kharidschiten setzten Glauben und Handlungen einander gleich. Demnach konnte jemand schon in Unglauben fallen (der ewige Höllenverdammnis bedeutete), sobald er eine Sünde beging.

Die Kharidschiten waren die erste Fraktion, die sich von der Mitte des Islams entfernte. Ihr Gedankengerüst wurde getragen von Koranversen wie: Die Entscheidung ist einzig und allein bei Gott (12:40) oder Wer nicht nach dem richtet, was Gott hinabgesandt hat – das sind die Ungläubigen 5:44).

Alis Anhänger (auch Schi’at Ali genannt) wiederum bezichtigten aus übertriebenem Eifer heraus Alis Gegner nach der Schlacht von Siffin ebenfalls des Unglaubens. Diese zweite Fraktion, die sich von der Mitte des Islams entfernte, behauptete, der Prophet Muhammad habe Ali ibn Abi Talib zum rechtmäßigen Kalifen gemacht. Wer sich dieser Weisung widersetze und Ali Feindschaft gegenüber hege, sei als Ungläubiger zu betrachten.

Dieser Behauptung zum Trotz hat Kalif Ali seine Gegner aber weder in der Schlacht von Siffin noch in der Kamelschlacht als Ungläubige bezeichnet, sondern vielmehr als Rebellen, mit denen man auch wie mit Rebellen verfahren müsse.

Imam Ghazali, ein leuchtender Stern am Himmel der islamischen Geschichte, erwähnt in seinem Werk Al-iqtisad fi-l-i’tiqad (Der mittlere Weg im Glauben), dass der Begriff Takfir dem islamischen Recht und nicht der Glaubenslehre oder der Theologie zuzuordnen ist. Aufgrund der verheerenden Folgen, die eine Takfir-Etikettierung für Muslime mit sich brachte, gab Al-Ghazali zu diesem Thema noch ein weiteres Buch mit dem Titel Faysal al-tafrika bayna l-islam wa’l-zandaka heraus.

Nach dem Ableben des Propheten Muhammad wurde der Begriff Takfir im Kampf um das Kalifat und in Kriegen als Waffe eingesetzt. Hierzu sei angemerkt, dass sich in den Anfängen des Islams Fraktionen, Blöcke bzw. Gruppen fast ausschließlich politischen Charakters entwickelten. Daher können wir davon ausgehen, dass sich die theologischen Blöcke und Schulen später aus diesen innenpolitischen Kämpfen entwickelt haben, und zwar jeweils in Abgrenzung zum Gegner und unter Anwendung der Sprache der Religion. Die Sprache des Glaubens und der Theologie wurde im Kampf um die Herrschaft eingesetzt, um eine Legitimationsgrundlage zu schaffen und die Gegner mit der effektivsten Waffe – dem „Glauben“ – zu schwächen.

Abu Hanifa gelangt in seinem Werk Al-‘alim wa l-muta’allim zu dem Schluss, dass der Takfir für Muslime in politischen Kämpfen, in die auch viele Gefährten des Propheten verwickelt wurden, wie eine ansteckende Krankheit ist. Und zu demselben Ergebnis kommt auch Imam Schafii. Wie könne ein Muslim, der an den islamischen Glaubensgrundlagen und an den Pfeilern des Islams festhält, des Unglaubens bezichtigt werden? Takfir bedeute eine politisch bzw. ideologisch motivierte Auslegung der islamischen Grundsätze; und als solche bringe sie zwangsläufig auch den Glauben dessen, der jemanden des Takfirs bezichtigt, in Gefahr. Wer sich dies vor Augen führt, sollte den eigenen Standpunkt überdenken und niemanden mehr des Unglaubens bezichtigen. Denn wer mit dem Takfir auf die Jagd geht, läuft Gefahr, selbst zum Gejagten zu werden. Sogar jemand, der Unrecht tut und sich Muslim nennt, darf nicht als Ungläubiger oder Heuchler betitelt werden.

Zwar bezeichnet der Koran selbst in Vers 5:44 diejenigen, die nicht gemäß dem richten, was Gott herabgesandt hat, als Kafir, aber schon im 45. Vers werden diese als Ungerechte bezeichnet und in Vers 47 als Aufrührer. Der 44. Vers bezieht sich auf jene, die die Wahrhaftigkeit und Richtigkeit der Gebote Gottes leugnen, während die Verse 45 und 47 jene meinen, die diese Gebote zwar nicht leugnen, sich aber auch nicht nach ihnen richten. Ob jemand als Ungläubiger oder als Ungerechter und Aufrührer bezeichnet wird, macht aber einen großen Unterschied. Einige muslimische Gruppierungen haben die Aufrührer der Gruppe der Ungläubigen zugeordnet, andere wie die Mu’taziliten und Zayditen beispielsweise haben sie irgendwo dazwischen verortet. Aus sunnitischer Sicht betrachtet, sind Ungerechte und Aufrührer durchaus Schuldige und Sünder, aber keinesfalls Ungläubige. Schuldige werden gemäß ihren Vergehen zur Verantwortung gezogen, das ist alles.

Hier stellt sich nun die Frage: Wie wird sich die islamische Welt von der Takfir-Krankheit, die sie derzeit fest im Würgegriff hält, befreien können? Dafür müssen wir die Krankheit wohl zunächst einmal richtig diagnostizieren.


Fußnoten
[1] Vom Glauben abfallen, ungläubig werden
[2] Bei diesem Schiedsrichter-Fall standen sich die Heere des Kalifen Ali und des Gouverneurs von Damaskus Muawiya gegenüber. Kalif Ali akzeptierte Vermittler zwischen den beiden Parteien und wurde deswegen von den Kharidischiten attackiert, weil er damit angeblich dem Koran widersprochen habe und in Unglauben (Takfir) gefallen sei. 

HINTERLASSE EINE ANTWORT