Dem Philosophen John Stuart Mill ist die Individualität und die Freiheit für das persönliche als auch gesellschaftliche Leben enorm wichtig. Dies behandelt er im Kapitel „Über die Individualität als ein Element der Wohlfahrt“ seines Werkes „Über die Freiheit“. Beobachtet man die muslimische Gesellschaft und Community, wird der Blick von Chaos, Rückschrittlichkeit und Unwissenheit überschattet. Schon im 19. Jahrhundert begann die modernistische Bewegung der Salafiyya, die nicht mit den ultrakonservativen Salafisten zu verwechseln ist, über den Rückstand der islamischen Welt nachzusinnen und hierfür entsprechende Lösungen zu finden. Dieser Rückstand hält noch bis heute an. Die Erkenntnisse Mills kann man mit der heutigen muslimischen Gesellschaft und Community vergleichen. Das wäre eventuell eine Antwort darauf, warum sie denn überhaupt rückständig ist und wie sie sich neu erfinden muss, um zukunftsfähig zu sein.

Der Ausgangspunkt für die Überlegungen Mills bildet der Gedanke von Wilhelm von Humboldt, dass der „wahre Zweck der Menschen“ die „höchste und harmonischste Bildung seiner Kräfte zu einem kompletten und folgerichtigen Ganzen“ ist. Mill kritisiert in diesem Sinne den großen Einfluss der Tradition, Sitte und öffentlichen Meinung auf die Menschen. Diese schrieben ihnen vor, auf eine bestimmte Art und Weise zu handeln, sodass die Entfaltung der menschlichen Kräfte behindert wird. Die Sitten und Gebräuche sind Ausdruck menschlicher Erfahrungen, von denen man selbstverständlich einen Nutzen ziehen kann. Dennoch können sie auch falsch oder für die betreffende Person und ihre Umstände nicht passend sein. Es ist deshalb das Recht des Menschen, die Ergebnisse menschlicher Erfahrungen selbst auszulegen und einen Teil herauszufiltern, der seinen Umständen und seiner eigenen Wesensart entspricht. Das bloße Anpassen an der Tradition und den Gebräuchen beansprucht die geistigen und moralischen Kräfte der Menschen wie z.B. Auffassungsgabe, Urteils- und Unterscheidungsvermögen, Triebe etc. in keinster Weise. Diese können nur entwickelt werden, wenn der Mensch seiner Lebensweise einen eigenen Stempel gemäß seiner individuellen Wesensart aufprägt. Die Individualität des Menschen konstituiert sich gerade dadurch, dass er bewusst und frei wählt. Derjenige, der etwas tut, weil es Sitte ist oder der gesellschaftlichen Meinung entspricht, wählt dagegen nicht und wird träge und schlaff, weil die Beweggründe seiner Handlungen nicht den eigenen Gefühlen und Gedanken entsprechen. Selbst wenn diese Sitten den Menschen, der nicht aus eigener Überzeugung handelt, vor Schaden bewahren, geht der Wert und wahre Zweck des Menschen verloren. Dadurch sterben nämlich seine Natur und Fähigkeiten ab.

Die Freiheit zeichnet das Menschliche aus: Ein Roboter in menschlicher Form könnte eine vorgeschriebene menschliche Tätigkeit perfekt ausführen. Dennoch würde man den Menschen nicht durch diesen ersetzen, da die menschliche Natur eben keine Maschine ist, die etwas Vorgeschriebenes bestmöglich erledigen soll. Denn der Mensch ist vielmehr wie ein Baum, der wachsen und sich ausbreiten will. Entwicklung zeichnet die Individualität und Lebendigkeit des Menschen aus, wozu aber auch Fehlschläge gehören. Die Sitten und Überzeugungen auf Eigeninitiative zu befolgen oder von ihnen abzuweichen ist daher, unabhängig von dem Ergebnis, besser als die mechanische, blinde Befolgung einer Autorität.

Die zugrunde liegende Fähigkeit wird, wenn man auf die Gedanken Ralph Waldo Emersons zurückgreift, „Selbstvertrauen“ genannt. Es ist die Fähigkeit, sich mehr zu trauen, an den eigenen Gedanken zu glauben und den „Lichtstrahl, der aus seinem eigenen Innern durch seine Seele flammt, zu entdecken und zu beachten“.

Vor allem in der islamischen Community, in der bestimmte Meinungen früherer Gelehrten in Stein gemeißelt sind und Unterschiede zwischen Muslime nivelliert werden, indem man diese Meinungen aufzwingt und andere nicht zulässt, ist dies bitter notwendig. Es gibt in der islamischen Community eine Art Muster, das vor allem durch den Umgang mit der Sunna und den Hadithen seine Form gewinnt. Verbreitet ist nämlich heute die Vorstellung, dass für jeden auch nur belanglosen Akt trotz der Meinungsdiversität eine feste Regelung besteht. Man müsse mit der rechten Hand essen, einen Hund als Heimtier zu besitzen wäre haram usw. Es wird den Menschen nicht einmal die Möglichkeit gegeben, selbst über die Sinnhaftigkeit bestimmter Sitten nachzudenken. Wenn ein Lehrer im Islamunterricht Schülern die Meinung weitergibt, dass der Islam die schwarze Färbung der Haare verbiete oder eine App zur Erkennung von Halal-Produkten empfiehlt, die einen Schokoriegel wegen angeblicher tierischer Zusätze als verboten erklärt, dann ist genau das passiert, was verhindert werden soll: junge Menschen ohne kritisches Denkvermögen zu erziehen, die einer Autorität blind folgen, eben weil die Sitte es so vorschreibt und es sich so gehört. Von unermesslicher Bedeutung ist deshalb, den Ausgang aus der Unmündigkeit gemäß Kant zu bewerkstelligen und die Menschen zur Mündigkeit zu erziehen.

Manche Menschen entwickeln diese Fähigkeit in besonderem Maße. Sie gehorchen nicht bestimmten Traditionen und sagen nicht das, was die Menschen, sondern was sie selbst denken. Hier könnte man sich an mehrere Persönlichkeiten erinnern. Zum Beispiel an Sokrates, der sich trotz seiner Verurteilung zum Tode wegen Gottlosigkeit und Verführung der Jugend für das Gute und die Wahrheit bemühte. An Galileo Galilei, der trotz der Widerstände seitens der Kirche aus Wahrheitsliebe die Meinung vertrat, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Und an den Propheten Muhammad, der sich dem polytheistischen Glauben und den Wertvorstellungen seiner Vorväter widersetzte und einen Monotheismus verkündigte.

Mill nennt diese Menschen Genies: Sie sind nach Mill der Motor der Zivilisation. Sie entdecken neue Wahrheiten, zeigen Fehler auf, führen neue Bräuche ein, geben Beispiele für eine aufgeklärte Lebensführung etc.. Alles Gute ist letztlich „die Frucht origineller Schaffenskraft“. Durch die Einführung neuer Ideen und Erfindungen halten sie das Leben lebendig und wirken dem Erstarren in Tradition entgegen. Wissen und Denken sind durch Bewegung geprägt, welche die Genies initiieren. Es ist umso wichtiger, dass eine Gesellschaft, die in allen Hinsichten fortschrittlich sein möchte, diese Bewegung zulässt und fördert. Dafür braucht es jedoch eine Atmosphäre von Freiheit. Schaut man in die Vergangenheit, so stellt man deutlich fest, dass eine Förderung dieser Atmosphäre durch einige Herrscher eine Blüte von Kultur und Wissenschaft herbeiführte. Beispiele sind die Gründung des Hauses der Weisheit von dem Abbasiden-Kalifen al-Ma’mun oder die Förderung der Wissenschaften durch ʿAbd ar-Rahman III im Kalifat von Cordoba. Wenn Gesellschaften und Herrschaften die Unterschiede durch Aufdrängen von bestimmten Denkmustern nivellieren und die Originalität nicht zur Sprache bringen lassen (z.B. durch Bücherverbrennungen, Einsperren oder Hinrichtung frei denkender Menschen sowie Verbote etc.), dann stagnieren sie, da sie Mill zufolge aufhören, Individualität zu besitzen. In der islamischen Geistesgeschichte führte die Bekundung bestimmter Meinungen auch oft zum Tode, wie es beim Sufi Al-Hallaj der Fall war. Interessant wäre dabei die Frage, wie vielfältig die Geistesgeschichte gewesen wäre und welche interessanten, undogmatischen, wenngleich nicht zur Sprache kommenden Meinungen schon damals vorhanden gewesen waren, wenn eine freiheitliche Atmosphäre durch und durch vorgeherrscht hätte.

Unabhängig von dieser offenen Frage beobachten wir diese Stagnation in der gegenwärtigen muslimischen Welt. In dieser fehlt ein Boden für eine freie Atmosphäre des Austausches und wird jegliche Haltung, die dem Mainstream nicht entspricht, mundtot gemacht. Das Gegengift, um diese „Tyrannei der öffentlichen Meinung“ zu durchbrechen, ist nach Mill das Exzentrische und die Unterstützung dessen Erscheinung. Anders zu sein und nicht nach einem vorgegebenen Muster zu leben, zeichnet den Menschen erst aus. Das Anderssein bereichert und belebt einerseits das individuelle Leben, da dadurch der Zweck des Menschen erfüllt wird. Deshalb ist es wichtig, dass man nicht einer Autorität blind folgt, sondern auf seine eigene innere Stimme hört. Andererseits ist es auch wertvoll für die Gesellschaft, weil sie erst entwicklungs- und zukunftsfähig sein kann, wenn sie vielfältig ist und die Menschen dank der Vielfalt voneinander lernen können.

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